Die Chaos-Theorie ein Mysterium

Die Chaos-TheorieDen Begriff der Chaos-Theorie umgibt ein fast schon mystischer Klang. Die meisten Menschen stellen sich darunter den Sieg der Unordnung über die Ordnung vor, heisst Chaos übersetzt doch „die Abwesenheit von Regeln“. Tatsächlich dreht sich die Chaos-Theorie um einen anderen Bereich: Es geht um das Prinzip kleiner Ursachen und grosser Wirkungen. Ihren Anfang nahm die Chaos-Theorie dabei im Jahr 1979. Damals war es der Meteorologe Edward Lorenz, der in Washington einen Vortrag unter dem Motto: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Hurrikan in Texas auslösen?“ Die Frage gab es nicht ohne Grund, denn der Wissenschaftler selbst hatte im Jahr 1963 festgestellt, dass ein winziger Luftstrom schlussendlich zu einem Wirbelstrom geführt hatte.

Seine Vorhersagen, dass dies nicht passieren würde, waren falsch, da er sich um das Hundertstel eines Prozentpunktes verrechnet hatte. In der Folge nahm sich die Mathematik der Chaos-Theorie an, die einen neuen Namen bekam, unter dem sie in der Wissenschaft bis heute geläufiger ist: Die Theorie von der Veränderung dynamischer Systeme. Der französisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Benoît B. Mandelbrot passte seine Arbeiten über selbstähnliche Strukturen an und konnte zeigen, dass es auch an den Märkten Verwendung für die Chaos-Theorie gibt. Die folgende Chaosforschung steckt für den wirtschaftswissenschaftlichen Bereich allerdings noch in den Kinderschuhen. Hilfreich ist sie nichtsdestotrotz schon heute.

Die Funktionsweise der Chaos-Theorie: Das Billard-Beispiel

Mandelbrot entdeckte, dass es an den Börsen vermeintlich komplett chaotische Verläufe gab. Die Kurse spielten komplett verrückt. Sie schienen keinerlei Regeln mehr zu folgen. Doch der Experte konnte Gegenteiliges beweisen: Die Kurse bildeten selbstähnliche Strukturen aus, die insbesondere am Anfang und am Ende der chaotischen Verläufe sehr gut zu identifizieren waren. Sie waren also keineswegs das Ergebnis der Abwesenheit von Regeln oder Vernunft, sondern bewiesen im Gegenteil das Prinzip von Ursache und Wirkung: Wenn sich die Rahmenbedingungen auch nur ein klein wenig ändern, zieht dies einen enormen Wirkungskreis nach sich. Beliebt, um diese Idee zu verdeutlichen, wurde das Bild des Billardspielers.

Verrutscht der Stoss des Billardspielers auch nur um einen Hauch, so nimmt die Kugel auf dem Tisch einen anderen Weg und sorgt auf den ersten Blick für Chaos. Tatsächlich tut sie dies aber nicht, denn sie gehorcht doch beispielsweise noch immer den Regeln der Physik. Alles, was sich verändert hat, ist der Umstand, dass die erste Krafteinwirkung anders als geplant und erwartet war. Würde man diese kennen, könnte man die Folgen auf dem dynamischen System Billardtisch problemlos berechnen.

Der tropfende Wasserhahn und die Wirtschaft

Die Chaos-Theorie besagt also, dass die Wirkungen, die so ungeregelt und chaotisch erscheinen, in Wirklichkeit nur diesen Eindruck machen, weil das nötige Wissen fehlt, um sie zu berechnen. Ziel ist es also, die veränderte Ausgangsvariable zu finden. Ein weiteres Beispiel soll dies unterstreichen: Neben dem Billardspiel ist vor allem der tropfende Wasserhahn eines der beliebtesten Bilder in der Chaos-Theorie, weil er verdeutlicht, welche zentrale Rolle die Ausgangsvariable spielt. Tropft der Hahn nur, ist er praktisch zugedreht. Es scheint sich um ein geregeltes System zu handeln: Einzelne Tropfen sind erkennbar. Diese kommen im zeitgleich gleichen Abstand aus dem Hahn und sind transparent. Dreht man den Hahn nun auf, so ist es unmöglich, die einzelnen Tropfen zu erkennen. Durch den Strudel des Wassers ist es auch nicht mehr möglich, durch sie hindurchzuschauen. Dennoch sind sie da. Die Tropfen kommen sogar nach wie vor im gleichen Abstand aus dem Hahn – nur eben wesentlich schneller. Mit den geeigneten Messwerkzeugen würde sich die Gesetzmässigkeit aber immer noch nachweisen lassen. Zugleich tauchen hier die selbstähnlichen Strukturen auf. Das so chaotische System „Wasserstrudel“ sieht zumindest oberflächlich immer gleich aus.

Überträgt man das Beispiel nun auf die Wirtschaft, so zeigt die Chaos-Theorie vor allem schlüssig auf, wenn die eigenen Ausgangserwartungen nicht stimmen sollten. Als Beispiel: Ein Unternehmen beginnt scheinbar chaotisch damit, Wertpapiere abzustossen. Das Verhalten wirkt weder geplant noch schlüssig. Dennoch folgt es bestimmten Regeln. Um diese identifizieren und entsprechend reagieren zu können, ist es notwendig, die eigene Ausgangsüberlegung zu adaptieren. Ein Abverkauf erscheint einem chaotisch, weil man der festen Überzeugung ist, dass das Haus eigentlich ankaufen oder halten sollte. Dies tut es nicht, es besteht also eine Informationslücke. Um diese zu schliessen, ist es ratsam, die genauen Abverkäufe zu analysieren, um Rückschlüsse zu ziehen. Die Kugel folgt noch immer physikalischen Gesetzen und die Tropfen kommen auch im Strudel noch immer im gleichen zeitlichen Abstand aus dem Hahn – nur viel schneller. So kann man dahinter kommen, dass der Abverkauf entweder bedeutet, dass das Haus beispielsweise Kenntnisse von den Schwierigkeiten einer Branche hat (Wertpapiere aus einer Sparte werden abverkauft) oder aber dringend frische Liquidität benötigt (Gemischte Abverkäufe).

Die Chaos-Theorie und die Charttechnik

Für die Charttechnik ist die Chaos-Theorie ungemein wertvoll. Sie hilft dabei, den Anfang vermeintlicher Kursverläufe zu erkennen. Wie Mandelbrot schon nachgewiesen hat, gibt es für diese eine Selbstähnlichkeit. Aufmerksame Beobachter der Märkte können chaotische Verläufe deshalb schon der Entstehung identifizieren. Für Einsteiger ist dies vor allem ein Zeichen dafür, sich ruhig zu verhalten und die Phase ohne eigene Aktion vorüberziehen zu lassen. An den Börsen landen die Kurse nach den chaotischen Verläufen fast immer genau wieder da, wo sie vor diesen gewesen sind.

Kann man mit der Charttechnik die Chaos-Theorie als Chance nutzen?

Interessanter ist es für erfahrene Anleger, welche die Chaos-Theorie kennen und verstehen. Denn, wer in der Lage ist, dort die Regeln zu erkennen, wo andere dies nicht schaffen und nur Konfusion sehen, der kann gerade in den chaotischen Verläufen durch das geschickte An- und Verkaufen womöglich viel Geld verdienen. In vielerlei Hinsicht ist das Chaos an den Märkten eine Gefahr, aber mit Hilfe der Chaos-Theorie sowie mit der Anwendung der Charttechnik lässt sich daraus vielleicht eine Chance machen.

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